Dr. Heinrich Stromer
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Der Rotary Club Auerbach stiftete
anlässlich der 675 Jahrfeier der Stadt 1989
eine wertvolle Bronzebüste,
die am Aufgang vom Oberen Marktplatz
zur Pfarrkirche St. Johannes der Täufer
gegenüber dem Rathaus steht
und auf Dr. Heinrich Stromer hinweist.

Dr. Heinrich Stromer
Auerbachs berühmtester Sohn

„In Auerbach ... wurde ein bedeutender Oberpfälzer geboren. Er hieß Dr. Heinrich Stromer und kam hier ... als Sohn einer aus Nürnberg eingewanderten Bürgerfamilie zur Welt." (1, Seite 72f)

Als Geburtsjahr von Heinrich Stromer wird allgemein 1476 (9) angegeben, aber man findet auch 1482. (2, Seite 83) Eine Klärung des Geburtsjahres bringt wohl das folgende Gemälde von 1527, das einem Cranach-Schüler zugeschrieben wird, oder aus der Hand des Meisters selber stammt.

Dieses Bild (aus 11, Seite 345),
gemalt zu Lebzeiten,
zeigt Heinrich Stromer
"anno etatis sue 51",
also im 51. Lebensjahr.
Folglich ist er
1527-51, also 1476
geboren.
Interessant ist auch
die weitere Inschrift
oben links:
"Sic oculos,
sic ille genas,
sic ora ferebat."
Solche Augen,
solches Kinn,
solchen Mund hatte er.
Ferner ist zu lesen:
"Christus scopus noster",
Christus ist unser Ziel.

Am Zeigefinger der linken Hand
trägt Stromer einen Siegelring,
der hier stark vergrößert abgebildet ist.
Oben lesen wir H-S-D,
die Abkürzung für Heinrich Stromer Dr.,
natürlich spiegelverkehrt, da es sich ja um
einen Siegelring zum Abdrucken in Wachs handelt.
Der halbe steigende Ziegenbock
gehört zum Wappen der
Stromer in Leipzig.

Mehr über die Stromer von Auerbach findet man in der Stammliste von  Bernhard Pabst, der dankenswerterweise auch wertvolle Anregungen zu vorliegendem Artikel gegeben hat. (Familie Stromer)

Am wahrscheinlichen
Geburtshaus
des Heinrich Stromer
in Auerbach in der Oberpfalz
erinnert
eine schlichte Gedenktafel
an den großen Sohn der Stadt.
(Foto 1970, Archiv Weber)

So sah das Haus Nr. 234 um das Jahr 1900 aus. Die Gedenktafel war damals rechts. Die Dr.-Heinrich-Stromer-Straße in der Stadt Auerbach beginnt mit diesem Haus am oberen Marktplatz stadtauswärts. Daneben, getrennt durch die Stadtschreibergasse, war der "Wurstdrechsler" (Michael Lehrmeier), eine weitere Bierwirtschaft.

Dr. Heinrich Stromer als Arzt
1492 oder einer anderen Quelle nach erst 1497 kam Stromer an die Universität Leipzig. Dort erlangte er jedenfalls 1498 den akademischen Grad eines Baccalaureus, was dem heutigen Bachelor entspricht. Drei Jahre später wurde er „magister artium liberalium“ in Philosophie. Danach wechselte Stromer zur Medizin, wo er 1508 Baccalaureus und Rektor der Universität wurde.

Dieses herrliche Blatt
stammt aus Matrikel A,
Sommersemester 1508, Bl. 198.
Oben steht (übersetzt):
Rektor Heinrich Stromer von Auerbach,
Magister der Philosophie,
Baccalaureus der Medizin.

Die beiden Wappen darunter:
der Ur seiner Heimatstadt und
der halbe steigende Ziegenbock
als sein persönliches.
Die schöne Initiale H
mit den Anfangsbuchstaben
seines Namens S und H
zeigt Stromer als Rektor
der Universität Leipzig.

Der Besuch einer "Academia" bereits in jungen Jahren war in der damaligen Zeit nichts Besonderes für jemand, der eine akademische Laufbahn einschlagen wollte. Dass Stromer aber bereits mit 32 Jahren Rektor der 1409 gegründeten Universität Leipzig wurde, ist auch für damalige Verhältnisse zumindest nicht alltäglich.
Drei Jahre später (1511) promovierte Stromer und bekam den Doktortitel. 1516 wurde er Professor der Pathologie und führte wahrscheinlich an der Universität Leipzig das Studium der Anatomie ein.

Diese Tafel am Hörsaal
der Anatomie in der
Universität Leipzig
erinnert auch an
Dr. Heinrich Stromer,
der wohl den bislang
dort und allgemein
vernachlässigten Zweig
der Medizin eingeführt hat.
Dabei ist die Anatomie
als Lehre vom Menschen
doch Schlüssel ...

Im gleichen Jahr 1516 veröffentlichte Dr. Stromer eine viel beachtete Schrift über die Pest. Als diese im August 1519 in Leipzig wieder einmal ausbrach, floh Dr. Stromer mit seiner frisch angetrauten Gemahlin Anna ins nahe Altenburg.
Nach Abklingen der Seuche wieder zurück in Leipzig wurde Dr. Heinrich Stromer 1523 zusätzlich Professor für Therapie, die sich mit Maßnahmen zur Heilung oder zumindest Linderung von Krankheiten und Verletzungen befasst, also "praktische Medizin" ist.
„Als Arzt kam Stromer bald zu großem Rufe. Vier Fürsten haben sich seines Rates bedient: außer dem Landesherrn von Leipzig, dem Herzog Georg, und Kurfürst Friedrich (dem Weisen) auch Kurfürst Joachim von Brandenburg, vor allem aber dessen jüngerer Bruder, der Erzbischof von Magdeburg und Mainz, Kurfürst und später auch Kardinal Albrecht von Brandenburg, der als Förderer des päpstlichen Ablaßhandels - sein Subkommissar war Tetzel - berüchtigt, aber auch als Mäcen, als Förderer von Wissenschaft und Kunst hochberühmt geworden ist.“ (2, Seite 10)

Kardinal Albrecht von Brandenburg
auf einem Gemälde von Lucas Cranach

Stromers Titel lautete: ,,Kurfürstlich-brandenburgischer,
kursächsischer, erzbischöflich magdeburg-mainzischer
Leibmedikus“. (6, Seite 50)

Persönlichen Kontakt hatte Stromer auch mit Paracelsus (1493-1541), einem berühmten Arzt und Philosophen.

Dr. Heinrich Stromer als Wissenschaftler
Als Wissenschaftler verfasste Dr. Stromer auch mehrere bemerkenswerte Schriften, so 1504 das Rechenbuch „Algorithmus linealis“ mit den kurzgefassten Anfangsgründen der Arithmetik. Dieses Werk wurde öfter nachgedruckt, allein 1512, 1514 und 1520 in Wien.
Im Mai 1516 wurde in Leipzig Stromers erste medizinische Schrift „Saluberrimae adversus pestilentiam observationes“, also etwa „Heilsame Betrachtungen gegen die Pest“, gedruckt. Dieses Buch scheint unter der zahlreich erschienenen Pestliteratur jener Zeit eine besondere Bedeutung gehabt zu haben, denn noch über 100 Jahre danach wird es als gut und brauchbar beschrieben.

Heinrich Stromer von Auerbach: Regiment ... inhaltendt wie sich wid[er] die pestile[n]tz tzubeware[n]/ auch den ihenen die damit begriffen hilff tzureiche[n]. Leipzig 1516   Signatur: QuH 86 (2)

Die Pestschrift Stromers, hier das aufgeschlagene Titelblatt, besteht aus drei Teilen. Im ersten werden mögliche Ursachen aufgezählt, so verdorbene Luft und verdorbene Nahrung, unbeerdigte Leichen, Sümpfe, Dünste und viele andere. Im zweiten Teil nennt Stromer eine Reihe von vorbeugenden Mitteln: „Das sicherste Mittel ist, den Ort zu fliehen, und zwar schleunig zu fliehen, an einen Ort, wo mindestens seit einem Jahr keine Pest geherrscht hat, und nicht eher wieder zurückzukehren, als bis die Krankheit völlig erloschen ist und längere Zeit kein Opfer mehr gefordert hat. Dies bestreiten zu wollen mit der Behauptung, dass niemand seinem Schicksal entgehen könne, ist grosse Thorheit.“ (2, Seite 13) Im dritten Teil werden u.a. eine Reihe von Nebenerscheinungen aufgezählt, wie Ekel vor Speisen, brennender Durst und Verstopfung. In dieser Schrift, die auf insgesamt 42 Seiten alles was man damals über die Pest wusste und dachte enthält, zeigt sich an verschiedenen Stellen die religiöse Grundhaltung Dr. Stromers, so z.B. im Schlusssatz: „Omnia praetereunt, praeter amare deum. (Alles ist vergänglich, nur nicht die Liebe zu Gott.)“ (4, Seite 5)

Dieser Holzschnitt von 1518
wird dem Dürerschüler
Hans von Kulmbach
zugeschrieben.
Er zeigt Dr. Heinrich Stromer
mit dem Monogramm H-S-D
(Heinrich Stromer Doktor)
über dem Kopf. 

Auch sein 1531 in Wittenberg erschienenes Büchlein „Eine getreue, fleißige und ehrliche Verwarnung wider das häßliche Laster der Trunkenheit“ ist bemerkenswert. Der Schluss des lateinisch geschriebenen Textes lautet in deutscher Übersetzung: „Dieweil denn so mancherlei Beschwerung dem Menschen an Ehre, Gut, Leib und Seele, aus dem häßlichen und sündlichen Laster der Trunkenheit widerfahren, so ist es billig und ehrlich, daß sich der fromme Mensch und sonderlich, der sich des Namens Christi und Evan­geliums rühmt, davon mit höchstem Fleiß hüte und bewahre. Damit er über mancherlei zeitlichem Schaden und Verderb durch Gottes gestrenges Urteil nicht auch ewiglich bestraft werde. Denn wenn man von diesem Laster nicht absteht und es nicht meidet und an Christus glaubt, so wird es gewiß auch dort nicht ungestraft bleiben. Darum gebe Gott uns allen Gnade, uns in dem und allem anderen zeitlich zu bessern und Gott um Gnade in Christi Namen anzurufen. So wird alles Ja Ja und kein Nein sein. Amen.“ (3, Seite 75)

Seiner theoretischen Lehrmeinung immer treu zu bleiben und nach ihr zu handeln war sicher nicht einfach für Dr. Stromer: bereits sechs Jahre vor Erscheinen seiner Schrift "... wider das häßliche Laster der Trunkenheit" hatte Stromer einen Weinkeller mit öffentlichem Ausschank eröffnet.

Dr. Heinrich Stromer und die Reformation
Stromer, „der eben noch im Sinne mittelalterlicher Vorstellungen bei seinem hochverehrten Gönner, dem Kardinal Albrecht, Ablässe für seine Heimatstadt Auerbach erwirkt hatte (1518), entschloß sich … zu einer entschiedenen Abkehr vom alten Glauben.“ (4, Seite 6)
Spätestens seit der sogenannten „Leipziger Disputation“ (27. Juni bis 15. Juli 1519) stand Heinrich Stromer mit Martin Luther in persönlicher Verbindung.

Luther (Bild anno 1520)
schrieb am 20. Juli 1519
in einem Brief an Spalatin:
„Die Leipziger haben uns weder begrüsst
noch besucht, sondern uns
wie die verhasstesten Feinde behandelt.
An Eck haben sie gehangen,
haben ihn begleitet,
mit ihm geschmaust, ihn eingeladen, ... 
kurz, was sie nur ersinnen konnten,
haben sie gethan, uns zu kränken.
Doch hat uns Dr. Auerbach eingeladen,
ein Mann von größter Unparteilichkeit.“
(2, Seite 34)

Und Stromer selbst hatte schon am 19. Juli 1519 an den gleichen Adressaten Spalatin über Luther geschrieben: „Es ist wunderbar, welch grosse Bescheidenheit, welch heilige theologische Gelehrsamkeit von Martinus ausströmt. Der Mann scheint mir mit Recht der Unsterblichkeit werth.“ (2, Seite 34)

An  Spalatin, der eigentlich Georg Burkhardt hieß und sich nach seinem Heimatort Spalt (Hopfenstadt nahe Nürnberg) einfach Spalatin nannte, schrieb Stromer allein 1519 sieben lateinische Briefe. Sie endeten mit "Tuus H Stromer medicus" (Dein H Stromer, Arzt).

Dr. Stromer, oder, wie er sich selber nach seiner Heimatstadt gern nannte und auch von anderen nennen ließ, „Dr. Auerbach“, schloss sich wohl schon bald den Gedanken Luthers an und gehörte zu dem „Urstamme der Leipziger Evangelischen“. (5, Seite 107) Sein Haus wurde bald der Sammelpunkt der Anhänger Martin Luthers in Leipzig. Als an Pfingsten 1539 die Reformation in dieser Stadt offiziell eingeführt wurde, war Luther selbstverständlich wieder Gast bei Dr. Stromer. Als aber im gleichen Zuge „in Leipzig 1539 die Klöster mit ihren Kirchenschätzen schonungslos zerstört wurden, beklagte Stromer den großen Schaden.“ (4, Seite 6)

Heinrich Stromer
hatte auch persönliche Kontakte mit
Philipp Melanchthon (1497-1560),
einem engen Vertrauten und
Nachfolger Martin Luthers.
Dieser hieß eigentlich "Schwarzerdt"
und übersetzte seinen Namen einfach
ins Griechische "Melanchthon".
(Bild von Lucas Cranach, 1532)

Dr. Heinrich Stromer als Humanist
Heinrich Stromer war ein nicht unbedeutender Vertreter des deutschen Humanismus. „Im Zusammenhang mit seiner Wirksamkeit als humanistischer Gelehrter ist besonders auf seinen ausgedehnten Briefwechsel mit Erasmus und Reuchlin, den beiden Augen Germaniens, dem Reichsritter und poeta laureatus Hutten sowie dem Nürnberger Ratsherrn und Freund Dürers, Pirkheimer, und dem Gefährten Luthers, Spalatin, hinzuweisen. Dieser intensive geistvolle Briefwechsel ist eines der Kennzeichen des humanistischen Menschen.“ (6, Seite 51)


Reuchlin, Hutten und Luther auf einem Holzschnitt von 1521

Brieflich unterstützte Stromer den Johannes Reuchlin, der von Maximilian I. (1459-1519; ab 1486 deutscher König und ab 1508 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs) als wichtiges Mitglied einer Kommission gegen Johannes Pfefferkorn eingesetzt worden war. Pfefferkorn, ein getaufter Jude und 1508 Herausgeber des Judenspiegels, wollte alle jüdischen Schriften beschlagnahmen und vernichten. Dagegen wandte sich Reuchlin und schlug im Gegenteil vor, jüdisches Leben und jüdische Literatur zu tolerieren und zu studieren.

Mit Erasmus von Rotterdam
(1465-1536),
einem der bedeutendsten Vertreter
des europäischen Humanismus,
stand Stromer in Verbindung.
Ihn soll er von seinem
Bandwurm geheilt haben.
(Bild Hans Holbein der J., 1532)

Dr. Heinrich Stromer und „Auerbachs Keller
Dr. Heinrich Stromers Name ist der Nachwelt in erster Linie aber weder als Arzt, noch als Gelehrter oder Humanist, noch als Reformator überliefert, sondern als tüchtiger Geschäftsmann.
Stromer hatte in der Fastnachtswoche 1519 die Tochter Anna des Leipziger Handels- und Ratsherrn Hans Hummelshain geheiratet. Kurz darauf übernahm er das Erbe seines verstorbenen Schwiegervaters in der Grimmaischen Straße in Leipzig. Er riss eines der Anwesen ab und "erbaute an dessen Stelle ein großes Messehaus mit riesigen Kellern, die er den einheimischen und fremden Handelsherrn zur Aufbewahrung ihrer Waren zur Verfügung stellte. Aus dieser Einrichtung entstand im Laufe der Zeit die Leipziger Messe." (1, Seite 73)

In „Auerbachs Hof", einem dreigiebligen Bau, der ca. 100 Messestände, dazu Toiletten, eine Wachstube und eine Stallung für Frachtgäule beherbergte, mieteten Kaufleute aus aller Herren Länder Läden und Auslagen, so dass Stromers Haus bald als Sammelstelle aller Kostbarkeiten Europas bekannt war, und von dem Humanisten Friedrich Taubmann als „Weltwunder“ bezeichnet wurde.

Dazu hatte Dr. Stromer wohl schon 1525 einen öffentlichen Weinausschank in seinem Keller eingerichtet. 1538 zahlte er bereits über ein Drittel der gesamten Weinsteuer Leipzigs und war damit zum besten Weinschenken der Stadt geworden.

Das Weinlokal bekam,
wie hätte es anders sein sollen,
den Namen „Auerbachs Keller“.
Auerbachs Keller in Leipzig,
integriert in die Mädler-Passage,
ist heute eines der bekanntesten und
berühmtesten Lokale der ganzen Welt.

Blick in die
Mädlerpassage Leipzig

Links ist der Abgang
zu "Auerbachs Keller".

In seinen verschiedenen Räumen - linkes Foto "historischer Weinkeller", rechtes und unten der "Fasskeller" - bietet "Auerbachs Keller" dem Gast nicht nur ein gepflegtes Ambiente. So gilt sicher wie vor Jahrhunderten:

Wer nach Leipzig zur Messe gereist,
ohne auf Auerbachs Hof zu geh´n,
der schweige still, denn das beweist:
Er hat Leipzig nicht geseh´n.

Das Steinrelief "Bacchus am Fasse" stammt von 1530.
Die Tür (im Foto oben rechts neben dem großen Fass)
führt zu einem Geheimgang aus dem Mittelalter.
Dort befindet sich die "Hexenküche",
wo heute noch der nach altem Rezept
bereitete Hexentrank gereicht wird.

Hier sei nochmals an Stromers Schrift "... wider das häßliche Laster der Trunkenheit" erinnert, die er als "ein altes Erzübel der Deutschen" bezeichnet. In der 4. der insgesamt 19 Thesen schreibt Stromer sinngemäß: Während der Wein schneller und eher als andere Getränke Gehirn und Adern durchdringt, ist die  Biertrunkenheit ärger und dauert auch länger als die Weintrunkenheit.

In These 17 meint Stromer, dass guter Wein, mäßig genossen,
zu Recht der allergesündeste Trank genannt werde und sei.
Wenn man ihn aber "unmassig saufe",
sei er der allerschädlichste,
weil er die Lebenskraft schwäche,
das Gedächtnis verderbe, die Esslust mindere,
Gliederzittern verursache usw.

1625 ließ der Leipziger Ratsherr Johann Vetzer, ein Urenkel des  Heinrich Stromer, das Hauptgebäude von Auerbachs Hof erhöhen. Im Weinkeller "brummte" das Geschäft, wie dieses alte Bild andeutet.

Zugleich beauftragte Vetzner den Maler Andreas Bretschneider, zwei halbrunde Tafelgemälde zu fertigen, die den Ritt auf dem Fass und das Faustsche Gelage im Kreise von Studenten darstellen.
Bis 1781 blieb Auerbachs Hof im Familienbesitz der Nachfahren des Heinrich Stromer, dann wechselten die Eigentümer häufiger.

Tod Heinrich Stromers 1542
Durch seine Universitäts- und Gelehrtentätigkeit, durch die Arztpraxis, durch die Sparsamkeit seiner Frau und vor allem durch seine kaufmännische Tüchtigkeit war Dr. Stromer zu einem reichen Mann geworden.
Ab 1520 gehörte Dr. Auerbach, der gut zwei Jahrzehnte vorher als namenloser Student vom Lande nach Leipzig gekommen war, dem Rat dieser bedeutenden Stadt an und war damit in die höchsten Kreise aufgestiegen.
1537 verfasste Stromer eine "Schutzrede und Vertheidigung des ehrlichen und löblichen Alterns, welches von groben Unverständigen unbillig gemacht ... wird". Darin beschrieb er in 20 Thesen die Gebrechen zusammen, die das Altern so mit sich bringt. In der Vorrede dazu heißt es sinngemäß, dass bei den älteren Menschen an die Stelle der sinnlichen Freuden das frohe Bewusstsein trete, "wie sie ihr Amt wohl ausgerichtet haben, wieviel sie Guts gethan haben den Frommen, den Freunden, an guten Künsten und an gelehrten Leuten und endlich gegen den ganzen gemeinen Nutz". (2, Seite 72)

1542 am 26. November
starb Heinrich Stromer
im Alter von 66 Jahren
und hinterließ seiner Witwe
und den acht Kindern
(zwei Söhne und sechs Töchter)
ein beträchtliches Vermögen.
Die Stromer´sche Familiengruft
auf dem Leipziger Johannisfriedhof
wurde 1547
bei der Belagerung der Stadt
zerstört, und damit auch
das Grab von Dr. Heinrich Stromer.

(links Auerbachs Keller anno 1884)

"Auerbach ist einer der denkwürdigen Vertreter der Bildungskultur des deutschen Humanismus; er vereinigt in sich die Züge des homo universalis: er war Arzt, Lehrer, Forscher, Stadtrat und Hofmann, Baumeister und Kaufherr." (6, Seite 49)

Der Fassritt (8)

Die „Faust“ - Geschichte
Stromers Urenkel, der Leipziger Stadtrichter Johann Vetzer, ließ im Juli 1625 Geschäft und Weinkeller erweitern. Dabei brachte der Maler und Kupferstecher Andreas Bretschneider große Holztafeln mit Szenen aus der „Faustlegende“ an. Die eine zeigte den Ritt des Faust auf einem Weinfass, wie er 1587 (oder 1589) geschildert wurde: Studenten in Wittenberg baten den Dr. Faust, mit ihnen nach Leipzig zur Messe zu gehen. „Als sie nun zu Leipzig hin vnd wieder spacierten, die Vniuersitet sampt der Stadt vnd Meß besahen, giengen sie ohn gefehr für einem Weinkeller fürüher, da waren etliche Schröter (=Männer, die Weinfässer auf- und abladen) vber eim großen Weinfasse, vngefehrlich von 16 oder 18 Eymern (Anm.: Ein Eimer waren in Sachsen 75,8 Liter), vnd woltens aus dem Keller schroten, kontens aber nicht heraus bringen, das sahe D. Faustus, sprach: Wie stellet ihr euch so leppisch vnd ist ewer so viel, könt doch wol einer allein dis Faß herausser bringen, wenn er sich recht darzu schicken wüste. Die Schrö­ter wurden vnwillig solcher rede halben, vnd wurffen mit vnnützen Worten umb sich, weil sie jn nicht kanten,... Als aber der Weinherr vernam, was der Zanck war, sprach er zu Fausto vnd seinen Gesellen, Wolan, welcher vnter euch das Faß allein wird heraus bringen, dem sol es sein." (7, Seite 8)

Zum Jubiläum
"475 Jahre Auerbachs Keller in Leipzig"
im Jahr 2000 erschien
diese Wandplatte
aus Meißner Porzellan
mit der Szene des Fassritts von Dr. Faust.

"Faustus war nicht faul, gieng bald in den Keller, satzte sich auffs Faß als auff ein Pferd, vnd reit es also schnell aus dem Keller, darüber sich jederman verwunderte. Des erschrack der Weinherr, vermeinte nicht, daß solchs were müglich gewesen, muste aber doch seine Zusage halten, und Fausto das Faß mit wein folgen lassen, der gab es seinen Wandersgesellen zum besten, die luden andere gute Freunde dazu, hatten etliche tage lang einen guten Schlampamp davon, vnd wusten vom Glück zu Leiptzig zu sagen.“ (7, Seite 8)

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
studierte 1765 bis 1768
an der Universität Leipzig und war
in diesen Jahren sicher öfter
in „Auerbachs Keller“.

„Dieser erschien ihm als Idealkneipe für Universitätshörer, die dort alles Wissen und alle Sitte abstreifen konnten, um nur mehr Menschen zu sein oder sich gar kannibalisch wohl zu fühlen als wie 500 Säuen. So zeichnet Goethe diese Weinstube in seiner Faust-Dichtung so sehr aus, daß er sie historisch genau schildert und als einzige Lokalität der ganzen Dichtung in eine bestimmte Stadt und in ein bestimmtes Haus verlegt.“ (6, Seite 59)

Das zweite Bild, dass Stromers Urenkel Vetzner anno 1625 anfertigen ließ, zeigt das Zechgelage einiger Studenten, zu dem Faust und Mephistopheles kommen.

Mephistopheles
gibt den Zechern eine Kostprobe
seines teuflischen Könnens:
Er lässt aus in die Tischplatte
gebohrten Löchern
köstlichen Wein fließen.
Je nach Wunsch ist es
Rheinwein, Tokayer
oder Champagner.

Doch jeder Tropfen, der zu Boden fällt, wird zu einer gleißenden Flamme. Die Studenten erkennen den "Zauberer", ziehen ihre Messer und wollen sich auf Mephistopheles stürzen. Doch der bannt sie mit dem Spruch "Falsch Gebild und Wort verändern Sinn und Ort! Seid hier und dort!" und hypnotisiert sie, dass sie taumelnd zurückweichen.

Auerbachs Keller (Bild aus 9)

Mephistopheles
Irrtum, lass los der Augen Band! Und merkt euch, wie der Teufel spaße. (Dann verschwindet er mit Faust.)

Frosch
Wo ist der Kerl? Wenn ich ihn spüre, er soll mir nicht lebendig geh´n!

Altmayer
Ich hab’ ihn selbst hinaus zur Kellertüre auf einem Fasse reiten sehn.

(Faust 1, Auerbachs Keller in Leipzig, Zeche lustiger Gesellen; mehr)

Dr. Heinrich Stromer, sein „Auerbachs Keller“ und damit auch seine Vaterstadt, unser Auerbach in der Oberpfalz, fanden dadurch Eingang in die Weltliteratur! („Faust 1“, Verse 2073-2336)


Gedenktafel am Geburtshaus des Dr. Heinrich Stromer
auf dem Oberen Marktplatz in Auerbach in der Oberpfalz

"Heinrich Stromer
(geb. 1476 in Auerbach, gest. 1542 in Leipzig)
war ein Mann, dessen Tüchtigkeit,
Leistung und charakterliche Haltung
schon zu seinen Lebzeiten
von den großen Geistern der Zeit
anerkannt und gewürdigt wurde."
So urteilt Fritz Schnelbögl,
ehemaliger Direktor des  Staatsarchivs
Nürnberg, und guter Kenner
des Dr. Heinrich Stromer
aus Auerbach in der Oberpfalz.
(4, Seite 3)

"Stromer gehört somit zu den prominentesten Leipziger Bürgern der Frühen Neuzeit, der sehr erfolgreich seine universitären Aufgaben, seine wissenschaftlichen Interessen und seine medizinischen Kompetenzen mit kaufmännischen Aktivitäten und politischem Engagement verband." (10, Seite 111, Artikel)

Seit Juni 2008 gibt es eine Dr.-Heinrich-Stromer-Stiftung, sowie verschiedene Produkte, die den Namen des wohl berühmtesten Sohnes der Stadt Auerbach in der Oberpfalz tragen.
Die hiesige Grundschule trägt seit 2010 den Namen "Dr.-Heinrich-Stromer-Grundschule".

verwendete Quellen

1 Sieghardt, August, Oberpfalz – Landschaft, Geschichte, Kunst, Volkstum; Heroldsberg bei Nürnberg 1977
2 Wustmann, Gustav, Der Wirt von Auerbachs Keller, Dr. Heinrich Stromer von Auerbach, Leipzig 1902
3 Färber, Sigfrid, Bedeutende Oberpfälzer, Regensburg 1981
4 Schnelbögl, Fritz, Auerbacher Lebensbilder - Zum 500. Geburtsjahr Heinrich Stromers, genannt Auerbach, ANL Nürnberg, 1976
5 Clemen, Otto, Zur Lebensgeschichte Heinrich Stromers von Auerbach, in Neues Archiv für sächsische Geschichte, Band 24, Leipzig 1903
6 von Bradish, Joseph A., Geschichte und Legende um Auerbachs Keller, in Von W. v. d. Vogelweide bis Anton Wildgans, Wien 1960
7 Kroker, Ernst, Dr. Faust und Auerbachs Keller, Leipzig 1903
8 Titelbild der Speisekarte von Auerbachs Keller mit Abbildungen der Zeichnungen von Prof. Hoffmann (München) aus der Weinkarte von 1913, Leipzig 1989
9 Best, Hans, Auerbachs Keller, in einer Mappe mit 8 Bildkarten nach Gemälden, Leipzig (DDR), ohne Jahrgang
10 Fahrenbach, Sabine, Heinrich Stromer von Auerbach - Zum 525. Geburtstag im Jahre 2007, in Jubiläen 2007, Personen/Ereignisse, Universität Leipzig, 2007
11 Schnelbögl, Fritz, Auerbach in der Oberpfalz - Aus der Geschichte der Stadt und ihres Umlandes, Auerbach 1976

Robert Schumann, Fröhlicher Landmann von der Arbeit zurückkehrend,
aus dem Album für die Jugend, 1848

letzte Bearbeitung dieses Artikels am 25. Januar 2014

Für Ergänzungen, Korrekturen usw.
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