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Die
Auerbacher Stadttürmer
Ein wichtiger Faktor der mittelalterlichen
Stadtbefestigung war sicher auch der Stadttürmer, der Tag und Nacht hoch über
den Dächern der Häuser auf dem Kirchturm von luftiger Höhe aus über Auerbach und die Umgebung
wachte.
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Auf dieser
ca. 100 Jahre
alten Ansichtskarte
ist
eindrucksvoll
zu sehen, wie weit
der Kirchturm
die Stadt Auerbach
überragt. |
Wer heute den Auerbacher Kirchturm besteigt, um gleichsam aus der
Vogelperspektive die weite Aussicht zu genießen, wird kaum daran denken, dass
jahrhundertlang Menschen diesen relativ beschwerlichen Weg nach oben mehrmals am
Tag zu gehen hatten, um Ausschau zu halten zum Schutze der Stadt und ihrer
Bewohner. Es waren die Türmer oder „Turner“, die bis zu Beginn des 20.
Jahrhundert als städtische Angestellte eine sehr wichtige Aufgabe zu erfüllen
hatten.
Vom Kirchplatz aus
misst das höchste Bauwerk
der
Stadt 61,50 m,
die Grundfläche des Turmes
ist ein Quadrat mit 8 m Seitenlänge.
Im 1. Stock sind die Mauern 2,40 m
stark, im 5. noch 1,60 m
und im 10. „nur
noch“ 0,90 m.
Wenn man mit gutem Recht
das Jahr 1441 als Baubeginn
annimmt, so
hat der Turm
das ehrwürdige Alter
von über 560 Jahren.
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Dass er „Kirchturm“
heißt, aber im Eigentum der Stadt ist, sei nur am Rande erwähnt.
Doch nun zu
den Türmern.
Die ersten Türmer
Seit der Martktgründung Auerbachs und der gleichzeitigen Pfarreierhebung anno 1144
gab es zwar einen Kirchturm, aber keinen Türmer, denn der ursprünglich
romanische Turm, der bis zur Zerstörung durch die Hussiten 1430 neben der
Pfarrkirche stand, war unbewohnbar. Den für die Stadt so wichtigen Wachtdienst
versahen ausschließlich die „Thorwärtl“ auf den Türmen der 3 Stadttore.
Auch als der neue Turm 1445 fertig gestellt war, sollte es noch 110 Jahre dauern,
ehe durch den Bau eines weiteren Stockwerkes die Türmerwohnung eingerichtet
wurde. Seit 1555 gab es damit einen „Stadttürmer“ oder „Stadtturner“ in
Auerbach.
Die ersten „Turner“ entstammten wohl der Familie Dillmann. Sie wie alle ihre
Nachfolger hatten zahlreiche Pflichten zu erfüllen. So hatten die Türmer Tag
und Nacht den Wachtdienst zu versehen und bei einem Brand die Feuerglocke, bei
einem Gewitter die Wetterglocke, bei einem Todesfall das Sterbeglöcklein, bei
einer Hinrichtung das Armesünderglöcklein zu läuten. Wenn feindliche oder
einfach unbekannte Personen die Stadt umschlichen oder gar Verdächtige sich den
Toren näherten, dann waren mit dem Horn oder der Glocke bestimmte Signale zu
geben. Abends 11 Uhr wurden die Stadttore zugesperrt und der Türmer hatte dabei
das Sperrglöcklein oder den „Hußaus“ zu läuten. Tag und Nacht hatte er
die Stunden „nachzuschlagen“.
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Nachts musste
der Türmer
zu jeder
Viertelstunde
ein Hornsignal geben,
das vom Nachtwächter
unten in der Stadt
erwidert werden musste.
Dies war eine Art
gegenseitiger Kontrolle,
dass weder
Turner
noch Nachtwächter
ihre Aufgaben vernachlässigten,
und vielleicht gar
einschliefen. |
Türmer und „Stadtpfeifer“
Wie in jeder anderen Stadt, so gab es auch in Auerbach einen „Stadtpfeifer“,
der bei Festzügen vorausgehen und aufspielen musste, bei Kindstaufen und
Hochzeiten den Dudelsack oder die Sackpfeife blies, zum Tanz aufspielte und vor
allem auch bei den feierlichen Gottesdiensten in der Kirche mitwirkte. Als der
Magistrat 1555 einen Stadttürmer anstellte, übernahm dieser auch das Amt des
Stadtpfeifers; vielleicht war der erste Turner der bisherige Pfeifer.
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Aus diesem zusätzlichen Amt heraus erwuchsen dem Türmer weitere Aufgaben. So hatte er
dreimal am Tag von der Galerie des Turmes mit 2 Gesellen fröhliche Weisen „abzublasen“,
und zwar um 2 Uhr und um 10 Uhr in der Früh und um 18 Uhr abends; im Winter um
4 Uhr, um 10 Uhr und um 16 Uhr.
Dabei war genau festgelegt, dass jeweils „3 Stücklein“
auf die Stadttore zu geblasen werden mussten. |
Auch bei der Kirchenmusik hatte der Turner gegen geringen Lohn mitzuwirken; er
hatte aber dafür das Privileg, dass nur er bei Kindtaufen, Hochzeiten und Kirchweihfesten
gegen Entgelt aufspielen durfte. Dabei machten ihm allerdings über die
Jahrhunderte hinweg andere Musikanten, oftmals die Stadthirten, Konkurrenz und
„schnappten ihm das Brot weg“.
Kamen hohe Herrschaften auf Besuch in die Stadt, so musste sie der Turner schon
aus der Ferne „anblasen“ und ihnen später in ihrer Herberge mit seiner
Musik aufspielen.
Versäumnisse der Turner
Bei den zum Teil doch recht genau festgelegten Aufgaben blieb es nicht aus, dass
ein Türmer schon mal seine Pflicht verletzte und dafür bestraft wurde. In den
alten Ratsbüchern und Stadtkammerrechungen wimmelt es geradezu von derartigen
Vorkommnissen.
So erhielt z.B. am 9. Juli 1660 der Türmer Sigmund Muckensturm vom Rat einen
sehr strengen Verweis, weil er die „schweren Gewitter nit rechtzeitig
angeschlagen und weggläut“ habe. Der gleiche Turner wurde am 25. Juni 1662
drei Tage bei Wasser und Brot in den Kollerer gesperrt, weil er die Ankunft des
Bamberger Bischofs falsch signalisiert hatte. Als sich nämlich auf sein Signal
hin bereits ein Festzug der örtlichen geistlichen und weltlichen Honoratioren
dem hohen Gast entgegenbewegte, musste der Türmer mit Schrecken vermelden, dass
es nicht die erwartete bischöfliche Reiterei war, die er von Michelfeld
herkommend angekündigt hatte, sondern eine Kuhherde.
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„Kollerer“
wurde damals
das städtische Gefängnis
genannt, welches sich
im ebenerdigen Gewölbe
des „Predigerturmes“,
heute Pfarrstraße 15,
befand. |
Unter dem 28. Januar 1678 kann man lesen, dass der Türmer Daniel Schrumpf
24 Stunden bei Wasser und Brot in den Kollerer gesperrt wurde und am nächsten
Tag sein Geselle und sein Lehrjunge ebenfalls, weil alle drei die Feuersbrunst
an der Zogenreuther Mühle übersehen hatten.
Die Türmergenerationen Peißner
Mit der Anstellung von Zacharias Ignatius Peißner aus Hirschau am 1. Februar
1692 übernahm diese Familie den Türmerdienst in Auerbach für die nächsten
206 Jahre. Auch über dieses Geschlecht findet man Interessantes in den Ratsbüchern.
So heißt es z.B. über den „Turnertani“ Anton Peißner, der von 1720-40
amtierte, dass er ein populärer Mann war, der einen guten Trunk nicht verschmähte
und wie alle Peißner ein vortrefflicher Musiker war. Er wurde am 13. Mai 1740
arretiert, weil er „statt des Sterbglöckls das Feuerglöckl derwischt“ und
durch den falschen Alarm Angst und Schrecken verbreitet hatte.
Da der jeweilige Türmer zugleich Dirigent und Anführer aller städtischen
Musikanten war, bekam er allgemein den Beinamen „Turnerprinz“. Auf diesen
Titel waren auch die Auerbacher Türmer sehr stolz. „Die Familie Peißner war
mehr als die meisten anderen Türmer zu diesem Stolz berechtigt, denn alle ihre
Glieder waren vorzügliche Musiker und das Virtuosentum auf der Violine pflanzte
sich 200 Jahr lang stets vom Vater auf den Sohn und Enkel fort.“ So urteilt
Joseph Köstler (1849-1925) in Band VIII seiner umfangreichen Stadtgeschichte.
(S. 140)
In die Amtszeit von Karl Peißner (1850-70) fiel der große Stadtbrand am 27.
Juni 1868, bei dem auch der Kirchturm von der untersten Etage bis zur Spitze
ausbrannte. Die Peißner siedelten sich unten in der Stadt an und bezogen den
Turm auch nach dessen Restaurierung nicht wieder. Als Wächter auf dem Turm
versahen in den folgenden Jahren Auerbacher Bürger ihren Dienst, und zwar der
Schuhmacher Georg Wolf (1870-72), der Schuhmacher Leonhard Reger (1872-78) und
der Schneider Johann Popp (1878-98).
Johann Peißner legte 1898 das Türmeramt nieder und wurde Chorregent.
Der letzte Stadttürmer
Als letzter Turner von Auerbach fungierte daraufhin bis 31.12.1910 der Schuster Johann
Baptist Metz (1875-1950), Großvater des wohl bekanntesten deutschsprachigen katholischen
Theologieprofessors
(em.) gleichen Namens unserer Tage.
Metz verlegte seine Wohnung bereits um 1900 vom Turm in das daneben stehende älteste
Schulhaus der Stadt.
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Er lebte
mit seiner Familie auch nach
Abschaffung des Türmeramtes weiterhin in diesem nach ihm später benannten „Metzschulhaus“ (Pfarrstraße 5),
und versah den Mesnerdienst in der Pfarrkirche.
Mit Johann Baptist Metz erlosch in Auerbach ein Berufsstand, der nahezu ein
halbes Jahrtausend zum Wohle der Bürger sozusagen „von oben herab“ als
Türmer gewirkt
hatte.

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Hört
ihr Herrn und lasst euch sagen ... |
letzte Bearbeitung dieses
Artikels am 18. August 2009

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