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Die Bibliothek
des Prämonstratenserstifts Speinshart

"Als Sammlung wertvoller und seltener Bücher kann die Speinsharter Bibliothek nicht vorgestellt werden, sie diente auch nicht repräsentativen Zwecken, hatte wohl eher den Charakter einer Gebrauchsbibliothek, die auf Seelsorge und Hausstudium ausgerichtet, mit juristischen Werken für Rechtsstreitigkeiten mit den Untertanen wie gegenüber dem Landesherrn wohlausgestattet, durch die Privatbibliothek von P. Heribert v. Grafenstein in Philosophie und Theologie auf den neuesten Stand gebracht war und während der letzten zwei Jahrzehnte noch durch moderne Werke ergänzt wurde, die von den als Professoren am Straubinger Lyzeum tätigen Chorherren benötigt wurden." (1, Seite 114; obiges Foto Seite 99)

Nebenstehend das Titelblatt eines Inventarverzeichnisses, das bei der ersten Säkularisation des Klosters Speinshart im 16. Jahrhundert aufgenommen wurde. Der Text heißt sinngemäß:
„Speinshartischer Inventarius. Was (durch) Christoph von Giech, Landrichter und Pfleger zu Waldeck, auf hohen fürstlichen Befehl daselbst zu Speinshart in der Liberey (Bücherei), desgleichen in der Sakristei an Kirchenzier, Kleinod(ien) und anderem, wie hienach unterschiedlich beschrieben, gefunden worden. Actum Samstag nach dem Sonntag Lätare den 21. März Anno 1556.“ (2, Seite 67)

Bei der 2. Aufhebung des Klosters und damit natürlich auch dem Ende der wertvollen Bibliothek anno 1803 kamen laut einer Liste 1718 Bücher in die neugegründete Provinzialbibliothek nach Amberg und 162 an das dortige Lyzeum. (nach 2, Seite 69 und 1, Seite 110) Der Rest der Klosterbibliothek wurde versteigert: "Die 2900 Bände gingen um 55 fl an den einzigen Bieter, den Sulzbacher Juden Jonas Natan, nachdem sich vorher auch Samson Wolf, ebenfalls aus Sulzbach, um die Bücher bemüht hatte." (1, Seite 109)
Der Transport der 1800 "erhaltenswerten Bücher" nach Amberg erfolgte am 3.8.1807 in 23 Kisten und war mit 130 Gulden veranschlagt. (Zum Vergleich: die 2900 sicher zum großen Teil auch wertvollen Bände brachten bei der Versteigerung nur 55 Gulden!)
Der auch in alten Texten immer wieder zu lesende "barbarische Umgang" mit den Büchern (z.B. "die Fuhrleute warfen in schwer zu befahrenden Hohlwegen Folianten unter die Räder") ist sicher stark überzeichnet und beruht bestimmt auf dem Unmut der "Chronisten" über das Unrecht der Klosteraufhebungen und der damit teilweisen Zerstörung unwiederbringlichen Kulturguts.

Was ist heute noch zu sehen von der ehemaligen Speinsharter Klosterbibliothek?

Natürlich ist da zunächst einmal der bereits restaurierte wunderschöne Raum selbst schon sehenswert.

1773 gestaltete der
aus Auerbach stammende
Künstler Johann Michael Wild
die Decke im Bibliothekssaal
mit einem schönen Fresko aus.

"Insgesamt sind bis heute ca. 530 Titel mit ca. 675 Bänden für Speinshart nachgewiesen. Davon stammen allein 175 Bände aus dem Besitz von P. Heribert v. Grafenstein (vor allem Philosophie). Eindeutige Schwerpunkte des nachweisbaren Bestandes liegen bei den Gruppen Recht (138 Bände), Medizin (55 Bände) und Inkunabeln (36 Titel in 31 Bänden). ... Werfen wir noch einen Blick auf einige wertvolle Bände, die sich aus dem Speinsharter Bestand in Amberg erhalten haben. Da sind zum einen die Inkunabeln, 36 Werke in 32 Bänden, deren ursprüngliche Anzahl vor der Abgabe einiger Bände größer gewesen sein muß als die im Katalog von Wittmann aufgeführten. ...

Geblieben ist
die lateinische Ausgabe
der Schedel'schen Weltchronik,
Nürnberg 1493,
mit zwei prächtigen, in der Art
mittelalterlicher Buchmalerei
verzierten Seiten:
Initialen mit Blattgold,
der Text gerahmt mit
Blumen- und Tierranken."
(Foto einer Seite
dieser Weltchronik
aus einem anderen Band)

"Ebenso zählt ein spätgotischer Lederband mit Metallbeschlägen zu den Schaustücken. Das „Thier-, Fisch- und Vogel- Buch“ von Conrad Gesner, Zürich 1563-1582, ein massiver Schweinsleder-Foliant mit wuchtigen Beschlägen steht ihm nicht nach. Die zwei einzigen in Wittmanns Katalog verzeichneten Handschriften sind ebenfalls noch vorhanden: ein Folio-Band mit dem lateinischen Text der Dekretalien, 14. Jahrhundert, mit einer schönen Incipit-(=ersten) Seite: Blattgold-Initiale samt Blumen-Ornamentik und einem unbekannten Wappen. Leider ist das erste Blatt beschädigt und der Einband ein schlechter Ersatz vom Ende des vorigen Jahrhunderts. Den originalen Einband des 15. Jahrhunderts trägt noch der zweite Band, der zwei lateinische Texte dieser Zeit enthält: Jacobus de Cessoli „Liber super ludo Schacorum“ und Guido de Columna: „Historia Trojana". ... Aus dem ehemaligen Speinharter Bestand hebt sich in den Amberger Regalen im Fach Philosophie eine Gruppe von Büchern durch einheitliche Einbände ab: braune Halblederbände mit rot-grünen Rückentiteln. Auf der Innenseite des vorderen Buchdeckels ist ein gedrucktes, schmuckloses Exlibris eingeklebt: Comparavit Heribertus de Grafenstein Ord. Praemonstr. Canon. regul. in Ecclesia Speinshartana ... Es handelt sich bei diesen Bänden um einen wesentlichen Teil der Privatbibliothek von P. Heribert v. Grafenstein (1747-1793), die nach seinem Tode in die Speinsharter Bibliothek eingereiht wurde." (1, Seite 111f)
Wie gesagt: zu sehen in der Amberger Provinzialbibliothek.

"Naturgemäß stellt das theologische Schrifttum mit seinen exegetischen, patristischen, dogmatischen, casuistischen, homiletischen, apologetischen und liturgischen Spezial- und Standardwerken den größten Bestandteil der Speinsharter Bibliothek dar. Man denke an Autoren wie Augustinus, Thomas von Aquin, AnseIm von Canterbury, Angelus Carleti, Antonius von Asti, Wilhelm Durantis, Johannes Nider, Franz von Retz, Juan Torquemada, Jacobus de Voragine u.a.m. Auch antike Schriftsteller, wie Aristoteles, Cicero, Ovid, Terentius, Boetius u.a. waren in den Speinsharter Bücherregalen zu finden. Breit war das Angebot der Bücherei. Es reichte von Conrad Gessners Vogelbuch bis zu Immanuel Kants Erstdrucken, von der Augsburger Pharmakopoe (Arzneibuch) bis zur Kompositionslehre des Wiener Hofkapellmeisters Johann Joseph Fux." (2, Seite 71)
"Mittelpunkt war und blieb, wie es sich für eine Klosterbibliothek gehörte, die Theologie. Sie stand in der Systematik an erster Stelle. Die übrigen Fächer waren nachgeordnet und wurden aufgefangen vom 7. Fach „Biblistae“, den Bibeln und Bibelkommentaren. Alpha und Omega: von Gott geht alles Wissen aus (wie es auch dargestellt ist im Deckengemälde des Speinsharter Bibliothekssaales), in Gott soll aller menschliche Wissensdrang schließlich münden. Nach Größe und Inhalt konnte die Bibliothek nicht den Rang eines „Tempels der Wissenschaft“ beanspruchen. aber vielleicht doch den einer Kapelle, die ihrer Aufgabe, „Wegweiser zum Glauben zu sein. die Frömmigkeit zu bestärken“ gerecht wurde." (1, Seite 114)

Ein weiterer Aspekt im Zusammenhang mit der Aufhebung der Klöster und der Ausplünderung ihrer Bibliotheken sei noch angedeutet: "Die Auflösung der Kloster- und Korporationsbibliotheken Bayerns zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist nicht bloß ein Nebeneffekt der Klosteraufhebung gewesen. Die Veränderung war beabsichtigt. So ist in einem Brief des Freiherrn von Aretin vom 12.3.1803 zu lesen: „Schon letzthin schrieb ich Ihnen, daß unser für die Beförderung der Wissenschaften so tätiger Kurfürst den Entschluß gefaßt habe, die literarischen Schätze der bayerischen Abteien nicht so wie ihre übrigen Mobilien zum Vortheile der Staatskasse zu verkaufen, sondern einzig und allein für die Bildungsanstalten des Landes zu verwenden. Dieser Entschluß ist nun seiner Ausführung nahe.“ Es ging also darum, das geistige Potential, das die Klosterbibliotheken darstellten, unter Kontrolle zu bringen und für die Ziele des Staates einzusetzen." (3, Seite 87)

Es ist zwar Vergangenheit, aber Tatsache: Die Speinsharter Klosterbibliothek wurde, wie die der anderen Oberpfälzer Klöster, gleich zweimal - in der Mitte des 16. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts - widerrechtlich ihrer Bücher beraubt.

Wäre es nicht endlich an der Zeit, die noch feststellbaren Bände aus der Oberpfälzer Prämonstratenserabtei an ihren rechtmäßigen Besitzer, das Kloster Speinshart,  zurückzugeben?
Gleiches gilt natürlich auch für die anderen Klöster, denen in der Säkularisation quasi mit einem Federstrich alles genommen wurde.

Literaturangaben

1

Lipp, Walter, Die Bibliothek der Abtei Speinshart von 1669 bis zu ihrer Auflösung 1803, in 850 Jahre Prämonstratenserabtei Speinshart 1145-1995
Bodner-Verlag Pressath 1995

2 Wohnhass, Theodor, Zur Geschichte der Speinsharter Stiftsbibliothek
in Oberpfälzer Heimat, Band 26, Weiden 1982
3

Hauke Hermann, Die Bedeutung der Säkularisation für die bayerischen Bibliotheken
in Glanz und Ende der alten Klöster, Katalog zur Ausstellung im Kloster Benediktbeuren, München 1991

Musik von Joseph Haydn, 1732-1809

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letzte Bearbeitung dieses Artikels am 8. Februar 2010

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