Weidlwang
Home Nach oben

 

 

 

 

 

 


 

 

 

Im November 2014 drehte das Bayerische Fernsehen einen Clip über den Kanonier von Weidlwang unter Beteiligung zahlreicher Dorfbewohner. Die Aufzeichnung dieses kurzen Videos kann hier angeschaut werden. (Sendereihe Wir in Bayern)

Weidlwang und sein Kanonier

Fährt man von Pegnitz (Oberfranken) über Hainbronn nach Auerbach, so begrüßt einen gleichsam an der Grenze zum Regierungsbezirk Oberpfalz auf einem steil aufragenden Felsen der Kanonier von Weidlwang. Scherzhaft könnte man natürlich auch sagen, der streitbare Gesell wacht darüber, dass kein Unbefugter aus dem Fränkischen herein zu uns in die Oberpfalz kommt.

Seit Anfang Mai 2002 war der Kanonier für kurze Zeit von einem Fangnetz umgeben, aber nicht, weil er vielleicht aus Altersschwäche hätte hinunterfallen können; immerhin stand er ja schon seit 1961 bei Wind und Wetter auf seinem ungeschützten Platz in luftiger Höhe.
Die aufwändige Sicherungsmaßnahme diente für die Arbeiten, die zur Vorbereitung des großen Ereignisses im Juli des Jahres notwendig waren.

Weidlwang (Luftbild, BayernAtlas) ist ein kleiner Ort mit 53 Einwohnern (Stand 1.1.2010) und liegt an der Staatsstraße nach Pegnitz, ca. 6 km nordwestlich von Auerbach. Bis zum 1. Mai 1978 gehörte das Dorf zur Gemeinde Nasnitz, durch die Gemeindegebietsreform kam es zur Stadt Auerbach i.d.OPf..
Bei Weidlwang gemachte Funde deuten darauf hin, dass schon in der Mittleren (ca. 8.000 bis 4.000 v. Chr.) und in der Jüngeren Steinzeit (ca. 4.000 bis 1.800 v. Chr.) hier am Pegnitzufer vereinzelt Menschen gewohnt haben; eine geregelte Besiedelung erfolgte sicher erst später.

In der Gründungsurkunde
des Klosters Michelfeld
vom 6. Mai 1119
jedenfalls ist der Ort
neben vielen anderen
unserer Gegend aufgeführt:
Wideluwanch.

Auch die zweite Silbe des Ortsnamens -wang lässt auf eine für unsere Gegend relativ frühe Ansiedlung schließen. Ein mit Weiden bewachsener Wiesengrund, so kann man den Ortsnamen übersetzen.

Das Wahrzeichen von Weidlwang ist der Kanonier
Der hölzerne überlebensgroße Soldat hält gleichsam von seinem erhöhten Standort aus Wacht über das Dorf und seine Bewohner, die ihren Kanonier deshalb auch schon seit über 350 Jahren liebevoll pflegen. Der Überlieferung nach steht dieser Wächter schon seit dem Jahre 1649 auf seinem exponierten Platz. Doch wie kam es zu diesem wohl einmaligen Denkmal?
Während des 30jährigen Krieges (1618-48) kamen die verschiedensten Soldatenhorden auch in unsere Gegend, verbreiteten Furcht und Schrecken unter der Bevölkerung, raubten, folterten und mordeten, plünderten und brannten Anwesen und ganze Ortschaften nieder.
Auch das kleine Dorf Weidlwang hatte schon gelitten, als sich anno 1635 wieder einmal Truppen näherten. Diesmal waren es schwedische.

Bilder ähnlich diesem gingen den Dorfbewohnern durch den Kopf, denn die Soldaten beider Seiten fackelten nicht lange. Und besonders von den Schweden hatten auch die Weidlwanger schon Schreckliches gehört, z.B. die Sache mit dem später so genannten Schwedentrunk.

Ein bei einem früheren Überfall verletzter kaiserlicher Soldat war im Dorf zurück geblieben und riet jetzt den Weidlwangern zu einem Täuschungsmanöver. Auf seinen Rat hin schleppten die verzweifelten Bewohner einen Pflug auf den markanten und alles überragenden Felsen inmitten ihres Ortes, und stellten ein hölzernes Rohr dazu. Wahrscheinlich postierten sie auch noch den Oberkörper einer Strohpuppe mit der bairischen Uniformjacke und der Kopfbedeckung des Soldaten, der ihnen den Rat gegeben hatte, dorthin.
Tatsächlich ließen sich die Schweden durch die vermeintliche Geschützstellung täuschen, denn sie vermuteten einen gut gerüsteten und bewachten Ort, und machten deshalb einen weiten Bogen um Weidlwang. So wurde das Dorf gerettet, wenigstens dieses Mal.
Ganz ungeschoren kam Weidlwang im 30jährigen Krieg allerdings nicht davon, denn die "Beschreibung der im Landgericht Auerbach noch bemeierten, sodann hingegen öd und abgeprenten Güter, so durch das langwierige Kriegswesen und schwere Kontribution ruiniert und öd gemacht worden" vom 16.10 1648 nennt für Weidlwang insgesamt 11 Anwesen, von denen nur mehr 4 bemeiert (=bewirtschaftet) wurden, die restlichen 7 aber öd und abgeprent waren.
(1, Seite 111)

Auf eine ähnliche List wie in Weidlwang sollen die Schweden schon zwei Jahre zuvor, als sie die Stadt Creußen besetzt hatten, hereingefallen sein: "Am 25. März (Anm. 1633) griff er (Anm. der bayerische Reiterführer Johann von Werth) Creußen zum 4. Mal mit 5.000 – 6.000 Mann an. Er ließ die Nachricht verbreiten, daß er 2 sehr große Geschütze, die bisher in Auerbach standen, mitbringen werde und ließ zur Täuschung des Gegners 2 hölzerne Brunnenrohre auf Lafetten mitfahren. Die Schweden ließen sich wirklich irreführen und zogen nach Bayreuth ab. Creußen wurde geplündert und bis auf die Pfarrkirche und eine Kapelle ganz niedergebrannt." (2, Seite 132)

Ein Jahr nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges (1618-48), der Überlieferung nach am 12. Mai 1649, errichteten die Weidlwanger zur Erinnerung an den verwundeten Soldaten, der ihnen damals in ihrer Not geholfen hatte, ein Denkmal auf dem Felsen: sie stellten einen überlebensgroßen bairischen Soldaten aus Holz mit Kanone und Fahne auf.

Diesen Stich fertigte um 1835 der Nürnberger Stahl- und Kupferstecher Christian Leonhard Daumerlang (1812-59). Er zeigt das Dorf Weidlwang mit dem Kanonierfelsen und als Detail eingebaut den "Hawerlstaa", einen auffälligen Felsen zwischen Nasnitz und Weidlwang.

Schaut man genau hin, merkt man, dass
der Kanonier in die entgegengesetzte
Richtung von heute schaut.
"Zu aller Überraschung
blickt dieser eindeutig nach hinten.
Nach der Überlieferung soll der Feind
aber doch aus Richtung Horlach
erwartet worden sein. Das ist nämlich
die Richtung, in die der Kanonier
heute schaut.
Sollte der Feind damals
vielleicht aus Richtung Penzenreuth
gekommen sein?" (3)
(zur Orientierung

Der Kanonierverein
Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurde der Kanonier von den Dorfbewohnern immer wieder mal frisch angestrichen oder ganz erneuert.
Im Jahre 1913 gründeten die Weidlwanger den Kanonierverschönerungsverein, dessen oberstes Ziel natürlich die Erhaltung des Dorfsymbols war und bis heute ist. Aufnahme fanden zunächst nur Burschen und Männer "unbescholtenen Charakters", heute sind auch weibliche Mitglieder gern gesehen. 1921 am 17. Juli wurde der Überlieferung nach fünfte Kanonier auf seinen weithin sichtbaren Standplatz gestellt. Im sog. 3. Reich musste er natürlich eine dem Hitlerregime gemäße Fahne erhalten. Die nächsten Wachablösungen erfolgten 1939 und 1961, so dass der oben abgebildete Kanonier schon wieder gut vier Jahrzehnte bei Wind und Wetter auf dem Buckel hatte. Der Verein hatte deshalb beschlossen, zu seinem (fast!) 90jährigen Bestehen im Jahr 2002 das Wahrzeichen des Dorfes wieder zu erneuern. 

Großes Fest im Juli 2002
Am Samstag, dem 13. Juli 2002, hieß es für den altgedienten Kanonier Abschied nehmen von seinem Felsen; ein Kran hob ihn um 14.00 Uhr zum verdienten Ruhestand herunter. Anschließend war natürlich Festbetrieb unter dem Felsen, denn ein solches Ereignis muss einfach auch besonders gefeiert werden.
Am Tag darauf fand um 9.00 Uhr ein sehr gut besuchter Festgottesdienst im Dorf statt.

Am Sonntag,
den 14. Juli 2002
gegen 14.00 Uhr
wurde dann
dieser neue Kanonier
(Höhe 3,06 m,
Gewicht 800 kg)
von einem Hubschrauber
auf den Felsen gehievt.

Mit einem Festbetrieb unter den Augen und im Schutz des neuen Kanoniers gleichsam ließen der Kanonierverein, die Dorfbewohner und zahlreiche Gäste aus Nah und Fern das große Ereignis der Wachablösung anlässlich des (vorgezogenen) Vereinsjubiläums im Juli 2002 ausklingen.

Für einige Jahrzehnte wird der neue Kanonier "als Mahnmal des Friedens", wie der damalige Landrat Armin Nentwig bei der Feier am 14. Juli 2002 sagte, nun bestimmt wieder an der Nahtstelle zwischen Oberfranken und der Oberpfalz den traditionellen Wachdienst über Weidlwang ausüben.

verwendete Quellen

1

Schnelbögl, Fritz, Auerbach in der Oberpfalz, Auerbach 1976

2 Helml, Stefan, Die Oberpfalz im 30jährigen Krieg, Sulzbach-Rosenberg 1990
3 Kugler, Hans-Jürgen, Die zwei Gesichter, in Nordbayerischer Kurier, 28. Januar 2004

Die blauen Dragoner sie reiten ...
Text: G. W. Harmssen, 1914
Melodie: Hans Hertel

letzte Bearbeitung dieses Artikels am 3. Dezember 2014

Hier können Sie mich erreichen,
wenn Sie mir etwas mitteilen möchten!

Home Nach oben