Bestattungsplatz
Home Nach oben

 

 

 

 

 

 


 

 

 

Der Barbaraberg,
ein slawischer Friedhof

Unter der Überschrift "Rätselhafte Gräberfunde" stand im September 1972 in einer Lokalzeitung ein kurzer Bericht über das Auffinden von Skeletten bei Ausschachtungsarbeiten auf dem Barbaraberg bei Speinshart. "Vieles deutet darauf hin, daß die Skelette uralt sind, denn es gelang nicht ein einziges Mal, ein solches freizulegen." (1)
Dann hörte man rund zwei Jahrzehnte mehr oder weniger nichts mehr davon, bis 1991 auf Anregung von Pater Benedikt Schuster, einem Chorherrn des benachbarten Speinsharter Prämonstratenserklosters, welches Grundstückseigentümer ist, eine Begehung stattfand. Am 3. August 1992 schließlich begannen umfangreiche wissenschaftliche Grabungen, deren örtliche Leitung in Händen von Felix Biermann und von Anja Heidenreich lag. Letztere fertigte darüber ihre Magisterarbeit an, die sie in einem etwas erweiterten Rahmen veröffentlichte.
Mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin wurde dieses Werk als Hauptunterlage für den folgenden Artikel verwendet; mehrere Fotos wurden ebenfalls von Frau Heidenreich für diesen Artikel zur Verfügung gestellt.

Die Grabungen erfolgten überwiegend im Anschluss an die jetzige Kapelle Richtung Südosten auf das Anwesen 5 (rechter Bildrand) zu und umfassten ein Areal von rund 12 auf 15 Meter. Auf, besser unter dieser relativ kleinen Fläche fand man 190 Gräber. "Gemessen an der anthropologisch gesicherten Individuenzahl von 297 Skeletten handelt es sich bis dato um den größten Begräbnisplatz dieser Art in Nordbayern. (Zu berücksichtigen bleibt jedoch, daß mehrere der angeführten Vergleichsbeispiele im Raume nicht komplett erfaßt wurden, so daß auch dort höhere Individuenzahlen anzunehmen sind.)" (2, Seite 77) "Innerhalb der erfaßten Bereiche des Begräbnisplatzes wurden bei äußerst dichter Belegung männliche und weibliche Bestattungen nahezu aller Altersstufen gleichmäßig verteilt." (2, Seite 64)

Die Gräber wiesen fast exakt eine West-Ost-Ausrichtung und eine gestreckte Rückenlage der Toten auf. (hier Grab 120: weiblich, zwischen 20 und 30 Jahre alt, in enger Körperlage; Foto aus 2, Seite 32)

Grabbelegung im 9./10 Jahrhundert nach Christus
"Eine Datierung des Gesamtbefundes wurde durch die typologische Einordnung der formal äußerst einheitlichen Fundstücke aus den Gräbern und durch die genannten Ergebnisse der historischen Nachbarwissenschaften möglich. Analog den Vergleichsfunden scheint der Beginn der Belegung im ausgehenden 9. bis frühen 10. Jahrhundert zu liegen, in dessen weiterem Verlauf es schließlich zur Errichtung der Kirche kam. Die Veränderung territorial-politischer Verhältnisse nach der Jahrtausendwende und der zunehmende Ausbau neuer Pfarrei- und Dekanatsstrukturen können als wahrscheinliche Gründe für ein plötzliches Abbrechen der Belegung und den abrupten Bedeutungsverlust des Platzes angeführt werden." (2, Seite 79) 

Funde,
insbesondere Schläfenringe
(aus Grab 22;
Foto Landesamt für Denkmalpflege Regensburg)

Neben der fachmännischen Bergung der Skelette und einzelnen Gebeineteile mussten auch verschiedene Gegenstände sicher gestellt werden. "Der „Beigabenritus“ des Barbaraberger Bestattungsplatzes ist gekennzeichnet durch eine sehr eng begrenzte Auswahl an Trachtbestandteilen, die ausschließlich in Frauengräbern gefunden wurden. Diese für den Platz als typisch zu bezeichnende Ausstattung wurde in der Regel durch wenige Varianten von Schläfenringen bestimmt. Wenige Perlenfunde runden dieses auf den ersten Blick spärliche, jedoch nicht als ärmlich zu interpretierende Fundspektrum ab." (2, Seite 41)

In Grab 82 wurden u. a. ein schlichter Eisenring (Abb. 8.3) und ein Bronzering gefunden, beides sog. "Schläfenringe". (2, Seite 130)

Ein Schläfenring ist ein einfacher Ring, der auch mit Kugeln oder Plättchen verziert sein und entweder am Kopftuch in Höhe der Schläfe, an einem Lederband oder Metallreif oder direkt im Haar befestigt werden kann. Diese Art des Schmucks bevorzugten vor allem Slawen, wie auch dieses Foto einer Frau in slawischer Tracht (Rekonstruktionsvorschlag) zeigt.

verrollter Schädel in Fundlage mit großen eisernen S-Schleifenringen (d ca. 5 cm) in Grab 27 (Foto Anja Heidenreich)

originale Lage des S-Schleifenringes am Schädel von Grab 112 nach der Bergung

Auf dem Barbaraberg wurden insgesamt 71 sehr gut bis fragmentarisch erhaltene Exemplare solcher Schläfenringe gefunden und katalogisiert. Ihre Durchmesser reichen von ca. 2 bis 3 cm, einige sind aber auch größer. Genauere Angaben dazu bei Heidenreich (2, Seite 41 bis 52).
Hier ein Silberring aus Grab 99.
(2, Seite 132)

Neben den zahlreichen als Kopfschmuck getragenen Schläfenringen wurden auch zwei Fingerringe aus Bronze entdeckt.
"Am Hinterkopf des im Alter von vier Jahren verstorbenen Kindes in Grab 31 befanden sich sechs sehr feine Bronzenadeln, davon vier Stück mit kleinen Kugelköpfchen. Ein Exemplar steckte noch unverändert in Resten einer schwärzlich-organischen Masse, ..."
(2, Seite 54) Eine Untersuchung ergab, dass es sich um ein tierisches Produkt handelte, was für ein Lederband spricht.

Stecknadeln mit Lederresten einer Haube
(Foto Landesamt für Denkmalpflege Regensburg)

"In der Verfüllerde der Bestattungen fanden sich insgesamt 36 kleinere Fragmente früh- bis hochmittelalterlicher Gefäße, von denen nur ein begrenzter Teil eine Auswertung zuließ. ... Aufgrund dieser Verschiedenheit und der äußerst geringen Größe sind diese Scherben mit Sicherheit nicht als Hinweise auf Nahrungsmittelbeigaben oder ältere Brandbestattungen zu werten." (2, Seite 59) 

Slawischer Kleinadel
Den Ausgrabungen schloss sich auch eine genaue antropologische Untersuchung des Skelett- und Knochenmaterials an. Diese "lieferte überraschende Ergebnisse. Die Barbaraberger Serie wird vornehmlich von hochgewachsenen, schlank-muskulösen Menschen mit dinariden Schädelformen (Anm.: kurz-hoher Hirnschädel, hoch-schmales Gesicht) bestimmt, deren Überreste nur sehr geringe Spuren körperlicher Arbeit aufwiesen. Schwere Verletzungen als Folgen einer kämpferischen Auseinandersetzung zeigten sich nur an drei männlichen Schädeln. ... Der Nachweis äußerst positiver Lebensbedingungen am Skelettmaterial und der hohe Anteil an silbernen Schmuckstücken lassen weiter darauf schließen, daß hier der Friedhof einer wohlhabenderen Gruppe vorliegt, die ihren Lebensunterhalt eher durch Einkünfte aus Verwaltungsdiensten innerhalb des markgräflich geleiteten Landesausbaues verdiente, als durch schweren körperlichen Einsatz bei Rodung und Feldbau. Ergebnisse der Typologie weisen eindeutig in rein slawisch besiedelte Nachbarregionen, wodurch auch die Ethnie dieser Gruppe, von anthropologischen, onomastischen (Anm.: namenkundlichen) und historischen Aussagen zusätzlich bekräftigt, greifbar wird. Die Gründer des Friedhofes und Errichter der Steinkirche können demnach als Vertreter eines im Verlaufe örtlichen ansässigen, genuin slawischen Kleinadels interpretiert werden, dessen Zuwanderung aus dem nahen böhmischen Gebiet anzunehmen ist. Das plötzliche Einsetzen der Belegung ist wohl, ebenso wie der anschließende unvermittelte Abbruch, auf eine jeweilige Umstrukturierung der politischen Verhältnisse im Nordgau zurückzuführen."
(2, Seite 78 f)

Grab 117 barg eine weibliche Leiche zwischen 40 und 50 Jahren in weiter Körperlage. Seitlich sind noch Spuren eines Sarges zu erkennen, weiter sieht man wiederbestattete Schädel liegen. Am rechten Bildrand schließt sich ein jüngeres Grab an. (2, Seite 32) 

Die Entdeckung und insbesondere die wissenschaftliche Aufarbeitung des auf dem Barbaraberg vor über 1.000 Jahren (9./10. Jahrhundert) entstandenen slawischen Reihengräberfeldes ist ein weiterer Schritt zur Erforschung der Geschichte unserer Heimat.

Literaturangaben

1 Zeitung "Der Neue Tag", Weiden, 1.9.1972
2 Heidenreich, Anja, Ein slawischer Friedhof mit Kirche auf dem Barbaraberg im Landkreis Neustadt/Waldnaab, Verlag Bodner, Pressath 1998

Antonin Dvorák (1841-1904), Slawischer Tanz Nr. 5

letzte Bearbeitung dieses Artikels: 23.Juni 2006

Home Nach oben